Aktuelle Artikel zur GEMA Reform
Fabian Blum – Ist die GEMA-Reform gut für den Nachwuchs? „Handelt es sich bei Jan um einen durchschnittlichen Studierenden – oder eher um eine strategisch platzierte oder gar kreierte Ausnahmeerscheinung? Ein Blick auf weniger spektakuläre, dafür realistischere Biografien relativiert das Bild schnell. Nehmen wir „Chantal“, ebenfalls mit fünf Aufführungen: mehrere Hochschulkonzerte, ein externes Chorkonzert und ein Festivalbeitrag. Im bisherigen System hätte sie rund 359 Euro erhalten. Im neuen System bleiben davon 109,73 Euro übrig – ein Verlust von etwa 69 %. Förderung: natürlich nicht. Noch eindrücklicher ist der Fall „Rudolf“. Drei größere Kompositionen, darunter ein Kammerorchesterwerk, ein Stück für das Klassenkonzert und ein Stück für einen Blockflöten-Masterabschluss, bringen ihm im alten System etwa 261 Euro ein. Im neuen System schrumpft dieser Betrag auf rund 40 Euro. Das entspricht einem Verlust von über 80 % – bei gleichbleibendem Engagement. Um überhaupt in die Nähe der Förderung zu kommen, müsste Rudolf seine Produktivität erheblich steigern: etwa zehn Masterabschlüsse mit Werken bedienen, zehn Klassenkonzerte oder siebzehn vergleichbare Orchesterprojekte. Ein ambitionierter, wenn auch möglicherweise zeitlich schwer zu realisierender Karriereplan. Das Feld derjenigen, die von der Reform profitieren, ist enorm schmal. Man muss unter 40 Jahren sein, muss reichlich Konzerte haben mit hohem Inkasso und möglichst lange Werke schreiben. Wenn sich schon zeigt, dass sich bei realistischeren Beispielen so hohe Verluste abzeichnen, dann will ich nicht wissen, wie viel einige wenige am Ende bekommen. Dann wird man als junge:r Komponist:in auch bestraft, wenn man ein nicht so gutes Jahr hatte, viele falsche Abrechnungen oder wenn man in anderen Sparten unterwegs ist.“
Iris ter Schiphorst – Fehlende Modellrechnungen untergraben die GEMA-Reform zur Kulturförderung „Bis heute fehlen belastbare und transparente Modellrechnungen zu den konkreten finanziellen Auswirkungen der Reform für alle Sparten und Genres. Diese Zahlen sind die unverzichtbare Grundlage, um die Tragweite der Änderungen einschätzen zu können. Sie hätten rechtzeitig – deutlich vor März 2026 (Ende der Antragsfrist) – vorliegen müssen… Für die E-Musik sind erhebliche Verluste zu erwarten. In der U-Musik wiederum wird die Öffnung eines finanziell eng begrenzten Fördertopfs, der bisher zweckgebunden für spezialisierte Repertoires vorgesehen war, auf nunmehr alle rund 100.000 GEMA-Mitglieder als Fortschritt kommuniziert… In beiden Fällen fehlt das Entscheidende: eine verlässliche Basis für die wirtschaftliche Planung. Komponist:innen sind auf die Kalkulierbarkeit ihrer Einnahmen angewiesen, um ihre berufliche Existenz sichern zu können – sowohl kurzfristig als auch langfristig.“
Charlotte Seither – Die Entmachtung der Kultur durch den Markt – FAZ 26.03.2026
Alexander Strauch – Intendanten, Orchester, Konzerthäuser! Die GEMA-Reform und ihre Folgen „Ist die Reform blockiert? Gestoppt? Erledigt? Nein! Sie grüßt täglich wie das Murmeltier. Ja, der Patient »Musikwelt« braucht ein Update, aber die vorgeschlagene Dosis ist einfach falsch… Es soll abgestimmt werden, bevor die krassen Konsequenzen belastbar beziffert und eingeordnet sind… Über Jahrzehnte hat ein fragiles Gleichgewicht den klassischen Betrieb getragen… Dieses Gleichgewicht wird jetzt nicht verbessert. Es wird gestört. Und zwar genau dort, wo es trägt… Nicht Beethoven ist betroffen. Nicht die Uraufführung. Sondern das Repertoire dazwischen. Britten. Schostakowitsch. Strawinsky. Bernstein. Barber. Copland. Poulenc. Rutter. Hindemith. Orff. Das, was gespielt wird, weil es funktioniert. Genau das wird jetzt strukturell geschwächt. Und es wird teuer. Sync-Rights werden zum Preisschock: Streaming, Mitschnitte, digitale Sichtbarkeit – all das war bisher irgendwie möglich. Nicht immer einfach, aber machbar. Das wird vorbei sein. Denn es wird nicht nur die E-Musik rasiert. Die Zuschlagsverteilung in Online-Bereich, von der Klassik und ernste Musik relativ profitieren konnten, soll auch beendet werden… Rundfunk: Der Rückzug wird beschleunigt: Die Entwicklung läuft längst: weniger Sendeplätze, Fusionen und Reduktion von Profilen. Jetzt kommt ein zusätzlicher Faktor dazu: teureres Repertoire. Wird die Sparte E-Musik gestrichen, in der GEMA, im Hörfunk, mag der höchste Hochglanz bleiben. Aber die Substanz, die alltägliche Dosis Klassik, die so nötig ist, damit sich überhaupt noch eine Hörerschaft, das Klassikpublikum bilden kann, die bricht weg.“
Johannes Hildebrandt und Alexander Strauch im Gespräch mit Hanna Fink – Es geht um mehr – MusikTexteOinline 15.02.2026 „AS: Wir wissen, dass eine Reform notwendig ist… Und die Verlustspanne ist… einfach zu hoch… Im Prinzip besteht die reale Gefahr, dass ein ganzer Berufsstand wegbrechen wird… JH: Verlust – und zwar nicht nur finanziell, sondern auch Verlust an demokratischer Mitbestimmung. Das ist eigentlich viel wichtiger, weil die Finanzen und alles andere Folgen sind. Aber zunächst einmal wird die demokratische Mitbestimmung beschnitten… AS: Das hat Auswirkungen natürlich auch auf das Kulturleben an sich. Es wird Zeichen setzen im Bereich des Radios, im Bereich der Förderbudgets, in der Ausbildung… JH: Diesen Verlust an Mitbestimmung darf man nicht begrenzen auf E, sondern der betrifft alle Sparten. Das muss allen klar sein. Wer weiß, was als Nächstes für eine Reform kommt? Und es wird eine kommen, davon gehe ich aus.“
Alexander Strauch – Zwischen Marktlogik und Kulturauftrag: Die strategische Neuverortung der GEMA im digitalen Zeitalter vor der Kulturreform und nach dem Verkauf von Zebralution – nmz blogs 30.04.2026 „Gerade deshalb wird die Governance-Frage so wichtig. Solange Wertungsfragen, Verteilungsfragen und kulturelle Förderung in stark mitgliedsgebundenen Gremien verhandelt werden, bleibt die Konfliktzone offen sichtbar. Die offizielle GEMA-Struktur weist der Generalversammlung eine herausgehobene Rolle zu; zugleich ist der Wertungsausschuss ausdrücklich ein von der Mitgliederversammlung gewähltes Gremium. In dieser Konstellation liegt ein anderes Organisationsverständnis als in einer rein managerialen oder aufsichtsratgetriebenen Steuerung. Daraus lässt sich, als Schlussfolgerung, ein sensibler Punkt ableiten: Jede Vereinfachung oder Verlagerung von Entscheidungen weg von fachlich und mitgliedsnah legitimierten Gremien hin zu stärker zentralisierten Aufsichts- oder Vorstandsebenen würde wahrscheinlich als Zunahme politischer Steuerbarkeit und als Verlust langfristiger Erwartbarkeit gelesen werden.“
Kathrin Denner – Reform: Ja! Aber bitte gerecht. – backstageclassical, 28.01.2026 „Zudem sehen wir demokratische und rechtliche Fragen. Zentrale Steuerungsparameter, etwa die Bewertung von Spielstätten oder Gewichtungen innerhalb der Förderung, sind nicht dauerhaft in der Geschäftsordnung verankert, sondern sollen durch Beschlusslagen veränderbar bleiben. Damit werden normativ geregelte Ansprüche durch politisch steuerbare Entscheidungen ersetzt. Dies reduziert Planbarkeit, Rechtssicherheit und die gerichtliche Nachprüfbarkeit von Förderentscheidungen. Die Förderkommission ist zudem nicht direkt durch die Mitgliederversammlung legitimiert; klare Regelungen zu Repräsentation und Rotation fehlen. Ein weiterer Aspekt betrifft den Zugang zur ordentlichen Mitgliedschaft. Durch die stärkere Kopplung von Förderung und Verteilung an hohe Aufführungszahlen und spezifische Parameter wird es für viele Urheber:innen zunehmend schwieriger, die hierfür relevanten Voraussetzungen zu erfüllen.. Wir möchten betonen: Diese Kritik richtet sich nicht gegen Reformen an sich. Auch wir sehen Reformbedarf. Wir plädieren jedoch für eine Kulturförderung, die verlässlich, solidarisch und demokratisch kontrollierbar bleibt und die Vielfalt professioneller künstlerischer Praxis tatsächlich absichert – nicht nur rechnerisch, sondern strukturell.“
Hans Lüdemann – Vom E-Jazz und vom U-Jazz – nmz 01.09.2025 „Das ist einer der Gründe, warum es schon immer schwierig war, die passenden Kategorien für den Jazz in der GEMA zu finden. Ursprünglich in der „Unterhaltungsmusik“ angesiedelt, hat er sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts mehr und mehr zu einer universellen Kunstform entwickelt. Er kann beides sein, „E“ („Ernste Musik“) und „U“ („Unterhaltungsmusik“) – und ist es bis heute… Dass Reformbedarf besteht, ist allen Beteiligten klar geworden. Man hätte sich gewünscht, dass für die Entwicklung der Reform die Betroffenen schon vorher stärker einbezogen worden wären… Der Jazz ist durch seine Stellung zwischen E und U besonders geeignet, zu vermitteln und ausgleichend zu wirken und wird hoffentlich zur Gestaltung einer verbesserten neuen Reform beitragen können.“
Ältere Texte zur Reform vor der GEMA Mitgliederversammlung 2025
Iris ter Schiphorst – Let’s save it – MusikTexteOnline 16.02.2025 „Wenn wir heute die „Neue Musik“ retten wollen, müssen wir, so irr-sinnig es sich auch anhören mag, die GEMA RETTEN! Sic!! UND ZWAR JETZT!… Eine Reform, die für die Neue Musik tödlich wäre, vor allem für die freie Szene, den Nachwuchs, aber auch jene girlfriends, die erst vor Kurzem überhaupt in den Zug „einsteigen“ konnten, weil Aufführungen für sie aus historischen Gründen bis dato eher Mangelware waren und sie es darum in der GEMA (s. Gendergap) zumeist noch nicht zu „ordentlichen Mitgliedern“ gebracht haben und deshalb auch immer noch nix mitentscheiden dürfen, es aber nach dieser Reform wahrscheinlich niemals können werden, weil sie dazu das nötige Inkasso gar nicht mehr erreichen – und es somit schon wieder nüscht wird mit einer sozialen Existenz als Komponist:in, was im Übrigen ebenso für die noch Jungen gilt und für alle zukünftigen Generationen… und… jaja, ich höre ja schon auf…“
Charlotte Seither – Gravierende Folgen für die Ernste Musik Auswirkungen der geplanten GEMA-Reform 2025 – DMR, 19.03.2025 (Re-Upload by FEM+) „Alles in allem haben berufständige Komponierende der Sparte E von Einkommensverlusten von 70-90 Prozent auszugehen. Gleichzeitig verändert das neue Regelwerk auch die demokratische Mitbestimmungsmacht all jener, die bislang noch als „E-Komponisten“ wirken konnten: Indem wichtige Einkommensschwellen nicht mehr erreichbar sind, oder Fachgremien nicht mehr an Vertreter:innen der Sparte E gebunden sind, entscheiden zunehmend andere über dieBelange der E Komponierenden. Die Reform markiert eine historische Zeitenwende in der Geschichte der GEMA. Dass das Konzept des „E-Komponisten“ als Säule nicht nur des Regelwerks, sondern auch ihres innersten Selbstverständnisses als Verwertungsgesellschaft je abgeschafft wird, dies hätten ihre Gründerväter niemals für möglich gehalten.“